Ich habe Schwierigkeiten mit der neuen Gemütlichkeit. Also nicht mit meiner eigenen, die läuft fast von alleine, sondern mit der neuen marketingtechnisch durchdachten und von Zeitschriften und diversen Onlineprojekten beworbenen Gemütlichkeit. Wir haben wirklich jemanden gebraucht der uns erklärt wie GEMÜTLICH geht? Echt?
Ich glaube schon als alle am Abend im Neandertal ihren Fleischspieß übers Feuer gehalten haben und sich gegenseitig versicherten dass sie die besten und größten und schnellsten Jäger ihrer Epoche sind, stand einer mit im Kreis der sich dachte: „Boah, ich hab so Bock auf Ackerbau und Viehzucht, echt. Dieses ständige Jagen geht mir derartig auf den Sender und das Wetter ist auch beschissen und ICH persönlich glaube ja dass das Mammut vom Aussterben bedroht ist. “ Aber das hat er dann lieber nicht laut gesagt. Der Neandertalnux hat sich nur gewundert und heimlich den Kopf geschüttelt und irgendwann ein paar Körnchen auf einen Acker gestreut. Darüber hätte er dann sicher gerne gebloggt und er hätte auch sein Körnchen für Instagram geknipst nur hatte der halt keinen Strom und alle anderen auch ganz andere Sorgen.
Alles hat sich so entwickelt und schwupps haben wir 2017 und keiner hat mehr einen Acker, Körnchen hat auch niemand, außer sie sind pink lackiert (gesehen im Marktkauf: ich schwöre! Lackierten Weizen: FÜR DIE VASE) und eigene Ideen schon gleich gar nicht. Wir hetzen nur so durchs Netz und sind derartig inspiriert dass wir keinen eigenen Gedanken fassen können und FALLS wir einen fassen wissen wir gar nicht ob der gut genug ist. Aber ich hab ein klitzekleines Körnchen, das heißt Mittelmaß und das schenk ich heute allen die es brauchen können. Ist natürlich nur so ne Idee! Wir könnten ja alles einfach mal nicht so wahnsinnig übertreiben! Wir könnten uns heute mal nur halb so ernst nehmen.  Wir könnten essen was uns schmeckt. Wir könnten machen was wir wollen. Wir könnten uns für etwas interessieren ohne ein Pinterestboard dafür einzurichten. Wir könnten Sport treiben weil es Spaß macht und nicht weil wir abnehmen wollen. Oder etwas transformieren. Oder jemanden. Ich meine wer will denn bitte eine Bodytransformation? Mein Body schleppt mich seit 42 Jahren mit sich rum, der bleibt so wie er ist! Wir könnten einfach einen Tee trinken oder eben nicht. Dabei könnten wir ganz kurz innehalten und uns fragen: Hab ich es gerade schön? Und wenn ihr die Flanellsocken anhabt und das Buch aufgeschlagen und die Kerze an und die Tasse Tee in der Hand und ihr denkt euch: „Pfui, ist DAS LANGWEILIG!“ dann kippt den Tee ins Spülbecken, tragt das Buch zurück in die Bücherei, näht aus den Flanellsocken einen Sockenaffen und joggt ne Runde ums Haus! Oder eben nicht! Habt ne neue Idee und verdient damit kein Geld! Habt nen Blog einfach so! Verschwendet euer Talent! Oder nicht! Aber lasst euch doch bitte nicht von jedem Dreck beeindrucken. Bitte nicht.

Phasen und Moden wechseln sich ab, so wie sich die Sonne und der Mond die Hand geben. Während die einen noch Jagen betreiben die anderen schon Viehzucht. Während die einen noch ihren Body transformieren und stolz ihre Bauchmuskeln in die Kamera halten lernen die anderen wie gemütlich geht. Aber ich empfehle euch die gute alte, spießige Mittelmäßigkeit. Eigene Gemütlichkeit nach wohldosiertem Fleiß zur Erreichung selbstgewählter Ziele. Hammer. Kann heute kaum noch einer.

Im Westeuropäischen Überfluss zu leben treibt uns in den Minimalismus. Wir lesen seitenweise Ratgeber wie wir den ganzen Schrott los werden von dem uns jemand gesagt hat dass wir ihn brauchen und von dem uns jetzt jemand sagt dass wir ihn nicht brauchen. Aber ICH entscheide ganz alleine was ich brauche und was nicht! Keine Zeit für die Kinder zu haben bringt uns dazu jede Sekunde ihres Lebens zu dokumentieren. Als könnten wir unser Leben festhalten wenn wir es nur feste genug knipsen und dann sortieren. Ich entscheide ganz alleine was gut ist für meine Kinder und mich. Der Überfluss an Lebensmitteln treibt uns in die seltsamsten Diäten. Aber ich entscheide mich für den Apfel und die Schokolade! Die grenzenlose Freiheit treibt uns in die Arme einer Partei die eben jene beschneiden wird. Verflixt! Wäre ich nur niemals von dieser Schaukel abgestiegen und erwachsen geworden! Jetzt muss ich ständig was aussuchen und bewerten und entscheiden! Ach ne. Muss ich ja gar nicht. Ich mach ja jetzt Mittelmaß. Mit eigener Gemütlichkeit. Ich entscheide ganz alleine was mir gefällt und was nicht. Das ist oft schwer und man braucht dazu einen eigenen Kopf aber wenn man genau hinschaut ist der immer noch unter der Frisur, direkt auf dem Hals. Den kann man benutzen. Da kann man sich von allen Ideen die besten raussuchen. Oder eben nicht.  Ich leg mich jetzt auf den Boden und starre an die Decke und bin kein bisschen produktiv. Dann geh ich zum Sport weil es mir Spaß macht und danach esse ich ein Stück Schokolade weil es mir schmeckt. Dann decke ich mich ganz warm zu und habe es ohne Anleitung gemütlich.

Hoffentlich passiert da nix.

 

Grüße vom Nux an alle die auch nur so durchs Leben taumeln, an die selbstständig gut organisierten, an die Minimalisten und die Verschwender – ich liebe euch alle!

 

 

 

 

 

 

10 Kommentare zu „Ode an das Mittelmaß

    1. Das dachte ich auch immer, ich schwöre! Aber die Weisheit des Alters (chrrchrt) lehrt mich das Mittelmaß zu mögen, ehrlich! Lauwarm ist gemütlich! Ich kann mich doch nicht überall reinsteigern!

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  1. …auf den Punkt Frau Nux…ich liebe mein Mittelmaß so abgöttisch, das ich alle hochgestochenen Möchtegernvorbilder aus meiner Komporfzone heraus belächle. Schließlich haben wir alle ein Leben, Freunde, Hobbys und vorallem einen Kopf….und der sollte verdammtnochmal eingesetzt werden, um das eigene Leben zu leben und nicht das vorgelebte der anderen…ich bin zu 100% bei Dir…DANKE für den genialen Beitrag!!!!
    LG Susan

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  2. Nuxi, endlich wieder ein Blogeintrag……….soooooooooooooo lange habe ich darauf gewartet………und so vermisst ……………..und so gut wie immer…….bitte mehr und öfter.

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