An besonderen Stellen bevorzuge ich besondere Genauigkeit. Bei Uhrzeiten zum Beispiel. Wenn man mir sagt: „Ich komme um halb zwei“ stehe ich auf die Sekunde genau um halb zwei im Hof und warte. Wenn ich befürchte halb zwei wird mir zu knapp frage ich nach ob 13.37 Uhr auch möglich ist. Ich hab das erst nach meinem 40. Geburtstag  bemerkt dass andere, nicht so pünktliche Menschen, 13.37 Uhr gar nicht sooooo genau nehmen. Ich schon. Ich bin zwanghaft gut organisiert. Ich weiß ganz genau wie lange ich im Bad brauche, wie lange die anderen Nuxe im Bad und zum Frühstücken brauchen, dass sich mein Mann nur ungern hetzen lässt, dass er 13.37 Uhr für kleinlich hält und IMMER wenn ich im Auto sitze nochmal aussteigt um irgendetwas geheimnisvolles im Haus zu tun von dem wir nichts wissen dürfen. Wenn wir ihm folgen (ich bin superpünktlich und krankhaft neugierig, meine besten Eigenschaften!) schreit er: „Ruhe! Ich muss denken! Hier kann man nicht in Ruhe denken!“ und steht eigentlich nur so im Treppenhaus.
Einmal saß ich mit allen drei Kindern im Auto, da fiel meinem Ältesten ein dass er nochmal ins Haus muss. Wir haben alle die Augen verdreht „DER VERTRITT DEN NUXMANN! HAHAHA! Kaum ist der Mann nicht dabei fängt der an im Flur zu stehen! Hahaha!“ Wir waren auch irgendwann fertig mit lachen, der kam nicht zurück. Wir wurden ärgerlich, der kam nicht zurück. Weil ich mir diesen Gipfel der pubertären Trödelei nicht bieten lassen wollte (Zeit! KANN! ICH! NICHT! KAUFEN!) bin ich ihm hintergerast um ihn ihm Flur zu stellen und ihm einen furchtbaren, langen Vortrag zu halten UND DAMIT SEINE ZEIT ZU VERSCHWENDEN – da lag das Kind ohnmächtig hinter der Eingangstür weil er sich so beeilt hat dass er die komplette Treppe hinuntergestürzt ist und mit dem Kopf gegen die Haustür geknallt war. (Krankenhaus statt Grillparty. Nur der Genauigkeit wegen, gelle!) SO beeilt sich der Nuxmann nie! Deshalb organisiere, optimiere und regle ich alle zeitlichen Abläufe und gehe damit allen recht auf die Nerven, außer dem kleinsten Nux der mich schon im Kindergartenalter dazu aufforderte seine Zeit rücksichtsvoll zu nutzen (Mama! DU VERSCHWENDEST MEINE KINDHEIT!) Der Kleine und ich – wir verstehen uns! Wir sitzen als erste im Auto, das Täschchen gepackt auf dem Schoß, die Freude im Gesicht….und warten…auf den Mann. Der überprüft noch irgendwas im Haus. Spricht mit dem Hund. Ich weiß es nicht.

Ich liebe es unsere Urlaubsreisen zu planen. 1000 km Autofahrt mit so vielen Variablen (je nach Mitreisenden, Tageszeit und Route unterschiedlich viele Raststättenaufenthalte unterschiedlicher Dauer!) und ich rechne die alle aus! Wer wann wo Pipi macht BESTIMME ICH! Die Dauer des Picknicks! ICH! Es sind sieben Minuten Zeit für Kaffee! ICH habs gesagt! Ihr seht schon: ICH BIN DIE UHR! Selstsamerweise trage ich keine, niemals, außer sie hat Schmuckwert. Wahrscheinlich ist die mir nicht genau genug. Ich brauche keine Uhr! ICH BIN DIE UHR!

Dann habe ich mich vertan. Wir diskutierten wochenlang ob wir wirklich 12 Stunden für die Fahrt brauchen werden und ich rollte auf dem Küchenboden hin und her und rief: „Wir fahren um acht! Wir fahren um acht! Die Fähre wartet nicht!“ Egal wann ich den Nuxmann traf: „Wir fahren um acht! Hier, dein Essen, die Fähre wartet nicht!“ „Oh, hast du dir weh getan? Ich hole dir ein Pflaster, wir fahren um acht! Das blutet aber stark, wo hast du dich so geschnitten, die Fähre wartet nicht!“ „Bieg da vorn links ab, das geht schneller, wir fahren um acht! Wir fahren um acht!“ Wenn er nachher zum Mittagessen kommt probiere ich mal aus ob er noch Schaum vor dem Mund hat wenn ich zur Begrüßung rufe: „Die Fähre wartet nicht!“ Ich war besessen von meiner Besserwisserei. Weil ich eben so gut im organisieren bin und niemand würdigt das! Wir fuhren um acht. (Wir fuhren NICHT um acht! Wenn ich SAGE acht sitze ICH um acht im Auto! Dann beginnt das Verschwinden des Mannes! Wir fahren dann um siebzehn nacht acht!) Ich war so glücklich! 20.27 Uhr, on the road, die Fähre auf den nächsten morgen um neun gebucht, dank meiner Frechheit würden wir die um acht (ich sage jetzt nicht mehr so oft acht, versprochen!) nehmen (klappt in Italien immer. Kein Mensch schert sich um die Uhrzeit in Italien. Deshalb ist Italien das einzige Land in dem ich mich total entspanne) und wir würden um Zehn in der Ferienwohnung sein und ich könnte endlich, endlich, endlich meinen Kindern den Ort zeigen an dem ich alle meine Sommer verbracht hatte als ich ein Kind war. Was soll ich sagen. Die Fahrt lief reibungslos. Die Schweiz machte sich leer bevor wir kamen. Mailand schlief tief und fest. Kein Kind wollte aufs Klo, niemand hatte Hunger. Alle Eventualitäten in meinem durchweg hysterischen Plan traten nicht ein. Ich wünschte mir einen kleinen Stau. Wir waren allein auf der Straße. Ich hoffte auf Rauch aus dem Kühlergrill aber mein Auto schnurrte durch die Nacht wie ein sehr zuverlässiges Uhrwerk. Ich fuhr um fünf Uhr in den Fährhafen ein. Der Blick meines Mannes ruhte lange auf mir. Ich verstehe die Blicke meines Mannes. Dieser sagte: „Wir haben zwei pubertierende Jungs auf der Rückbank und ein Kleinstkind. Wir sind vier Stunden zu früh an einem unschönen Ort. Diese Kinder schlafen nicht. Ich habe nicht geschlafen. Du hast nicht geschlafen. Denk dir was aus!“ UND sein Blick sagte: „DU bist NICHT die Uhr und wir werden nie mehr deine Pläne befolgen! NIE MEHR!“

Ich weiß wann ich verloren habe. Ich organisierte Kaffee, Hörnchen, Spielplatz und war still. Um sieben scheuchte ich alle ins Auto um mich in die Schlange für die Fähre um acht zu mogeln. Wir wären fast nicht drauf gefahren weil mein Gatte auf DEUTSCH versucht hat dem freundlichen Hafenmitarbeiter zu erklären dass wir eigentlich gar nicht auf die Fähre dürfen weil unser Ticket….(ist das TYPISCH DEUTSCH? Ich bin ja auch ein bißchen deutsch und ich bin supersuperzwanghaft.) Dann hat er meinen Blick gedeutet und ist ganz schnell auf das Schiff geschanzt. Urlaub gut. Heimfahrt gut. Zwei Jahre vorbei. Selbe Reise geplant. Der Gatte sagt: „Wir fahren um zehn, das reicht“

KRÄMPFE! Das löst KRÄMPFE bei mir aus! Zehn ist zu spät! WENN Stau ist! WENN Berufsverkehr ist! WENN ein Kind kotzt! WENN der Kaffee ausgeht! WENN das Auto…die FÄHRE WARTET NICHT! Aber der Nuxmann hörte nicht und zeigte die Photos vor auf denen wir traurig mit kiloschweren Augenringen auf einem Spielplatz sitzen, morgens um fünf, das kleinste Nux fröhlich auf dem Karussell, die Mutter und der Vater kaputt auf dem Boden sitzend. Die großen Kinder mit so weit verdrehten Augen dass „GENERVT“ schon nicht mehr die richtige Bezeichnung ist. Okay. Dann zehn. ABER vollgetankt! Der Nuxmann tankt nämlich nicht bevor wir los fahren. Keine Ahnung warum aber es nervt mich kolossal! Es nervt mich wahnsinnig! Wir fahren, ich bin gerade so im „Yeaaaaaaah! wir fahren in den Urlauuuuuuub“ und dann halten wir an. Zum Tanken. Drei Tage vor Abreise habe ich gefragt: „Wirst du tanken?“ „Hast du schon getankt?“ „Soll ich tanken?“ Ich handelte ihn auf halb zehn aber ungetankt runter und wir fuhren auch kaum ne halbe Stunde zu spät los. Dann passierte mein Halleluja. Zwei Jahre lebte ich missachtet. Zwei Jahre war ich nicht die Uhr. Dann stellte mein Mann fest, 2011 an einem Tag im Juni, nach 22. 00 Uhr:

In Deutschland schließen die Tankstellen um zehn!

Ha! Und unser Tank war fast LEER! Wir fuhren ein kurzes Stück durch Österreich. Keine offene Tankstelle. Und ich bin so ein Arsch. Die Besserwisserei überwog die Panik. Wo mein Mann nur stille Blicke auf mir ruhen lässt, da lege ich richtig los. Stimme ins hysterische schrauben und ab die Post! „ICH HABE GESAGT DU SOLLST TAAAAAAANKEEEEEEEEEEEEEN! ICH HABE ES GEWUUUUUUUUSST! Man fährt auch nicht um zehn Uhr los! So ein Blödsinn! Schwachsinnigste Plan aller Zeiten! Ha! Jetzt stehen wir gleich hier! Dann LÄUFST du in die Schweiz! Ha!“ Wahrscheinlich hab ich dann auch noch I´m walking gesungen, der Nuxmann war zunehmend sauer. Er tankt in der Schweiz. War von Anfang an so geplant. (Klaaaaaaaaar!!!!)

Ich schwöre es euch! Wir fahren in die Schweiz und der Diesel ist ausverkauft.  Kein Diesel in der Schweiz. Schokolade ja. Diesel: Nein! Da hat mir auch die Besserwisserei nicht mehr so richtig Spaß gemacht. Außerdem wurde der Gatte sekündlich nervöser und hat mir KEINE Schokolade gekauft. Tank leer. Frau sauer. Mann sauer. Diesel ausverkauft. Was liegt da näher als ein richtig schöner Streit, spät abends im Auto, drei Kinder auf dem Rücksitz, Mama und Papa (beides eher willensstarke Rechthaber und sowieso mehr Dobermann als Pudel) schreien sich auf kleinstem Raum ins Gesicht. Ein Spitzenstart in den Urlaub! EINMAL bin ich NICHT die Uhr! DAS haben wir jetzt davon! Wir fuhren mit dem letzten Tropfen an eine Tankstelle die total überfüllt war, ich glaube die dritte Tanke die wir anfuhren und wir hatten ziemlich viel Zeit damit verbracht überhaupt Tankstellen zu finden! Der Mann steckt voller Hoffnung den Stutzen in den Tank und drückt den Hebel und es passierte…nichts. Leer, weil kein Diesel in der Schweiz. Ich legte meinen Kopf aufs Lenkrad. Der Mann legte seinen Kopf aufs Autodach. Die Kinder nahmen die Hände von den Ohren. Die Mutter zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen: „Ohne mich sind doch alle hilflos! Männer! Pfuachrrrchrrrchrrrr!“ Ich war SO SAUER! Denn die Reise war zu Ende! DIE FÄHRE WARTET NICHT! Da ruft ein Mann und winkt und hüpft auf einem Bein und der Nuxmann spurtet los, gestikuliert wild, der Mann auch (eventuell hatte der auch keinen Diesel, dafür eine hysterische Frau im Wagen). Ich sehe meinen Mann strahlen und lachen, er winkt mich her, ich fahre los, das Gesicht meines Mannes wechselt die Farbe ins grünliche weshalb ich (tatsächlich! so ist es gewesen!) SOFORT bremse! Es knallt ziemlich laut. Ich stehe und mache ganz, ganz große Augen und will nach Hause. Sofort. Der Nuxmann rennt auf uns zu und reißt die Autotüre auf. „DER TANKSTUTZEN STECKT DOCH NOCH IM TANK!!!!“ Ich rühme mich nicht gerne damit dass ich in Stresssituationen touretteartige Anfälle bekomme, vor allem weil mein Mann das NIE hat und überhaupt keine Schimpfwörter benutzt, der Kinder wegen. „ICH BIN DOCH NICHT SCHULD WENN DU DEN VERSCHISSENEN DINGS NICHT AUS DEM VERKACKTEN TANK IN DER SCHEISSSCHWEIZ (Sorry Schweiz. Ich liebe dich) NIMMST!“ Zwei Dobermänner mit blutunterlaufenen Augen, nachts im Wahn, Auge in Auge. Das feste Versprechen dass das ausgekämpft wird bis zum Ende. Stille auf dem Tankstellengelände. Erstmal hatten wir aber das dringliche Problem mit dem Tank, dem Diesel, dem Knall. Nach eingehender Überprüfung (und niemand wollte mit uns sprechen, komisch. Keiner hat sich getraut uns auch nur die Augen zu sehen) haben wir festgestellt dass ich, weil ich die Blicke meines Mannes eben so gut deuten kann, genau rechtzeitig angehalten habe. Kein Schaden für die Tankstelle. Nur der Tankdeckel abgebrochen. Diesel an der anderen Zapfsäule getankt zu der wir dann doch noch gerollt sind. Rein ins Auto. Schweigen. Bester Urlaub aller Zeiten. DIE FÄHRE WARTET NICHT! Wir saßen im Auto und waren am Ende mit der Zeit, mit den Nerven und mit der Stimme. Keine Schokolade, kein Kaffee. Schlechtes Gewissen weil als Vorbild für die Kinder mal wieder total versagt. Als Ehefrau irgendwie auch. Als Freund sowieso. Alles total versaut. Trotzdem müssen Schuldzuweisungen gemacht werden. An dem Punkt ist ja sowieso alles wurscht. Ich meine der hat getankt, der hat gewunken, ich saß im Auto! ICH BIN NICHT SCHULD! ICH BIN DIE UHR! Zum Glück fand ich die ganze Situation auf einmal so lächerlich dass ich nicht weiter streiten konnte. Außerdem streite ich mich überhaupt nicht gerne.  Ich habe so gelacht, ich konnt mich überhaupt nicht mehr beruhigen. Der Nuxmann lachte mit. Die Kinder nicht. Ich bin mir ziemlich sicher dass mein Ältester Symptome von Nervenzusammenbruch gegoogelt hätte, hätten wir ihm Internet im Ausland erlaubt. Aber wir waren plötzlich so fröhlich. Wir hatten Diesel, wir hatten noch einen halben Tankdeckel, die Fähre bekommen wir noch! WIR! Bekommen nämlich alles hin! Wir zwei! Wir brechen nachts Tankdeckel ab, wir sind schreckliche Eltern, wir hassen uns und dann vertragen wir uns wieder.

Wir haben die Fähre pünktlich erreicht, sind direkt an die Ablegestelle gerollt und wieder eine Fähre früher über das große, schöne, blaue Lieblingsmeer vom Nux getuckert. Leider konnten wir uns nicht angucken weil den Kindern unsere ständigen Lachkrämpfe peinlich waren und wir ihre Nerven nicht überstrapazieren wollten. Der Nuxmann hat dann verlangt das ich ins Italienische übersetzte: „Wo ist hier ein Baumarkt?“ damit er ein Klebeband kaufen kann um den halben Tankdeckel wieder anzukleben. Das haben wir dann auch gekauft. Es lag zwei Wochen unberührt auf dem Tisch.

 

Liebe Grüße,

Eure Nuxi!

 

4 Kommentare zu „Nuxi und die Uhr

  1. Aaaach ist das schöööön!! Ihr seid eine Glücksfamilie!
    Eigentlich wollte ich schreiben:“Ende gut, alles gut!“ aber das ist ja Blödsinn…. bei Euch ist ja gar kein Ende in Sicht! ;o)
    Ihr alle seid einfach wunderbar!

    Gefällt 1 Person

  2. Ach, da kommt mir die Geschichte in den Sinn. Ich hole Euronen (genau, ich komme aus der Schweiz, bin fassungslos, kein Diesel??!) In Italien will mein Chauffeur tanken, und sagt, wo sind die Euros? Wir gucken uns an – die Stimmung im Auto, morgens um neun kurz nach Mailand, sinkt auf unter Null. Ich habe sie nur geholt – und dann hingelegt, damit er sie einpackt……. An genau einer Tanke kann man damals Geld an einem Automat abheben…. In Kroatien dann ein längeres Telefon mit dem Bankmenschen, damit unkompliziert Geld auf das eine Konto verschoben wird.
    Seit da – und anderen Dingen – Fragen unsere Jungmenschen bevor wir Abfahren: Euro? Hammer? Heringe?….
    Herzlichst
    yase

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    1. ich glaube mittlerweile in der Schweiz war die Zapfsäule kautt und der Diesel war in Österreich ausverkauft weil er da so billig war…aber ich bekomme es nicht mehr zusammen. es war aber auch aufregend, da verschwimmen schon mal so Grenzen. Wir sind oft in der Schweiz, aber zur Zeit ist der Kurs für uns schlecht da ist das immer ein teurer Spaß 😀

      Gefällt 1 Person

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