Auf dieser Seite der Familie wird man mit einem nicht stillbaren Fernweh geboren. Die Vorfahren meines Großvaters sind über den ganzen Erdball verteilt, mein Onkel ist gerade für acht Wochen auf Sardinien, meine Eltern planen ihren Aufenthalt in Kuba, mein Bruder ist gerade zurück von einem halben Jahr in Irland, nachdem er in Frankreich studiert hat und meine Großmutter hatte ihren ersten und einzigen Schlaganfall auf Island. Nur der kleine Nux, der wollte das nie. Ich hab mich entschieden ein Zuhausebleiber zu werden. Mit gehäkelten Kissen und Tischdecken mit Kreuzstich und ganz viel Kaffeegeschirr und Kuchen und Kerzen und Gemütlichkeit. Hat sehr lange sehr gut funktioniert.

Nur ist das Erbe stärker als gedacht. Ich muss hier raus.

In meinen Wahnvorstellungen schlendere ich total lässig durch New York (Paris, London), sehe dabei aus wie Audrey Hepburn, gucke durch meine teure Sonnenbrille überheblich auf  New York (Paris, London), nippe an einem sehr teuren Getränk und mein Mund öffnet sich nur für: „Hach, NY (Paris, London) ist auch nicht mehr das was es mal war.“ Ich mache Instagramphotos in Straßenschluchten (breit) auf denen ich (schmal) meine kleinen Täschchen schwenke die ich in den verschiedensten Läden in New York (Paris, London) mit den coolsten Sachen gefüllt habe und DANN langweile ich mich selbst in meinen Wahnvorstellungen und ich kehre zurück zur Realität. (Straßen schmal, Hintern breit, nix von New York, Paris, London zu sehen, Hunger auf Spiegelei) Ich bin einfach nicht der Typ für Cool. In Wahrheit läuft das nämlich so:

Ich liege in der Küche auf dem Boden und wälze mich zwischen den Fronten mit Unterschränken hin und her (Bauchnabel nach hinten ziehen, gleichmäßig atmen, fünf Wiederholungen, wir sind hier ein fitnessorientierter Lifestyleblog!) und trommle mit den Fäusten auf den Boden weil ich zum siebenhundertachtundzwanzigsten mal meinem Mann gesagt habe dass wir jetzt WIRKLICH mal was buchen müssen und mein Mann sagt: Hmrmpf. Weil eigentlich will der gar nicht weg. Also der will schon weg aber es sollte halt NICHT SO VIEL kosten. Ich habe keine Ahnung wieviel NICHT SO VIEL ist. Das sagt er mir nie! Das sagt er immer erst danach oder währenddessen! London war zu teuer! Deshalb habe ich dort auch nicht an teuren Getränken genippt sondern am Bahnhof Wasser gekauft und den ganzen Tag rumgeschleppt. (Ich bin ein Schwabe. Ich würde sowieso niemals an teuren Getränken nippen. Ich nehm auch überall ein Vesperbrot mit hin. Ich nenne das dann Picknick damit es cooler klingt. In Wahrheit ist es Butterbrot und ein hartgekochtes Ei auf einer Serviette. Ich liebe das.) Ich trage quasi ALLES mit mir rum! Feuchttücher, Desinfektionsspray, Getränke, Essen, Taschentücher und Regenumhänge die mein Mann und mein Sohn niemals anziehen werden. NIE! Dabei würden sie damit aussehen wie ein großer und ein kleiner Schlumpf. Deshalb trage ich die immer im Rucksack mit! In meinem Partnerrrucksack! Wisst ihr was das ist? Ein Partnerrucksack? Ich habe den Auftrag bekommen einen Rucksack zu kaufen den SOWOHL mein Mann als auch ich GERNE tragen. Ich glaube übersetzt hieß das: Keine Blumen, Punkte, rosa. Was männliches. Langweiliges. Jedenfalls hab ich dann einen türkisfarbenen Rucksack gekauft mit so pinkfarbenen Hawaiiblumen drauf und als der Nuxmann total entgeistert auf den Rucksack starrte habe ich gesagt dass war das männlichste das ich kriegen konnte! Aus jeder Blüte guckt ein kleiner Yoda! Das ist ein Starwarsrucksack! Wirklich! Jemand hat einen Hawaiirucksack mit Yoda verkauft! Wer auch immer da für das Design verantwortlich war: Danke! Menschen mit Visionen! Danke!

Dieses Jahr haben wir uns entschieden den Rucksack durch Regensburg zu tragen. Nicht so weit weg, nicht so teuer, Weltkulturerbe. Passt. Wir zeigen dem kleinen Nux die Stadt, sitzen in Biergärten. So schön. So langweilig. Finden kleine Läden. Stöbern so rum. Mit einem entnervten Kind an der Hand und meinem Mann im gleichen Laden der die Preisschilder mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen betrachtet und sagt: „Also NOCH EINE Servierplatte brauchen wir ja nicht, oder?“ (Hä? BRAUCHEN? Natürlich nicht! Aber ich WILL!) Ichwilldassonicht. Mein Mann, der drei Jahre in Regensburg studiert hat, fängt an „Regensburg mit Kindern“ zu googeln. Wir schweigen. Ich sage: „Freiburg ist ja auch cool.“ Mein Mann sagt: „Mmmh.“ Ich sage: „Man könnt ja auch mal in den Europapark mit dem Kind. Ist das nicht bei Freiburg?  Ist nicht so cool, gelle. So Kultur mein ich. Ist ja dort eher nicht so.“ Der Mann: „Das ist ja auch so teuer. Für Achterbahn. Aber der kleine Nux würde sich ja schon sehr freuen.“ Ich: „Man kann da übernachten. In einem Planwagen. Oder einem Tipi. Blockhütte. Hotels. Ist bestimmt auch, chchchrrr, interessant! Kann man ja auch mal.“

Wir wussten es beide. Wir sind seit 17 Jahren zusammen. Wir wussten es beide. Aber ich musste es LAUT sagen. „Schatz! ICH will einfach mal in einem Freizeitpark übernachten! Wirklich! Das ist bestimmt cool! Die Betten haben THEMEN! Ich meine das kriegste sonst NIRGENDS! Und die Restaurants haben auch THEMEN! Und es gibt total miese Figuren mit denen man sich identifizieren soll! Und im Europapark ist das eine MAUS (ein Zeichen! ein Zeichen!) und da gibt es auch nen Pool und Wellness (für meinen Mann besteht Wellness aus Stille und einem kühlen Getränk. Das gibt es fast überall, deshalb behaupte ich das immer) und man kann dort in Bars und… “ Der Nuxmann: „Sag mal, hast du das schon gegoogelt oder was?“ Ich: „Kann sein. Kurz. Vielleicht. Heute nachmittag. Von vier bis halb sieben. Gib mal  E U R O P A P A R K ein. Mach mal! Guck! Da! Ne Maus!“

Ich kürze das jetzt ab: Das Nuxkind hat sich gefreut und konnte sein Glück nicht fassen.

Ich bin durch den Flur getanzt während mein Gatte mit dem Park telefoniert hat und habe meinem Zwerg damit suggeriert SOFORT ein Eichhörnchengesicht zu machen und total niedlich und selbstlos auszusehen.Wenn er es lautlos hinbekommt hätte das Kind auch: Papi, ich würde überall auf der Welt mit hingehen, nur am liebsten in den Europapark! tanzen können. Aber der ist noch klein, das lernt der noch.

Wir fechten jetzt die Rahmenbedingungen aus:

Wehe ich darf in dem Stockbett nicht oben schlafen! Und wehe ich darf mich am Frühstücksbuffet nicht vollstopfen bis mir schlecht wird! Dann heule ich! Und such mir eine Küche in der mich auf den Boden werfen kann! Außerdem fahre ich NICHTS weil mir bei allem schlecht wird oder ich Panikattacken bekomme, dafür will ich an jedem Stand was essen! Das kann ich! Und ein Eis! Das mit dem Stockbett wird wahrscheinlich nichts weil ich eine ERWACHSENE EHEFRAU bin und das lässt man mich ja nicht so schnell vergessen, gelle. Muss immer auf einem Fakirbrett schlafen wenn wir unterwegs sind. Die nächsten Wochen wird das alles hier im Haus vorbereitet, besprochen und ausgekämpft! Das nennt sich VORFREUDE!

Mein Mann hat dann nochmal telefoniert:

Heiiiii…wie gehts! Du, wir sind paar Tage in Freiburg! Ja! Wir wollten nach Regensburg! Ist ja Weltkulturerbe! Ja, genau – durch Museen schlendern, Walhalla, Hundertwasserturm, einfach mal ganz ruhig ein paar Tage verbringen, Ausstellungen besuchen, viel lesen, weißt schon. Aber der Nux hat mich irgendwie dazu gebracht das komplette Budget dass in Regensburg für drei Übernachtungen gereicht hätte für ne Nacht im Europapark zu verschleudern…(langes Gelächter am anderen Ende der Leitung) Wir haben gedacht wir würden danach noch bei dir vorbei…so…zwei Nächte? Zu dritt? Besuch?

So. Meine Kulturreise ist in trockenen Tüchern!  Eine Nacht und einen Tag im Europapark und zwei Nächte auf der Isomatte in einer Abstellkammer! In Freiburg!

Ich meine…mehr Kultur als eine Reise DURCH GANZ EUROPA geht ja wohl nicht!

Ich gucke mal was noch in meinem Rucksack ist vom letzten Städtetrip und diskutiere die Anzahl der Süßspeisen pro Stunde!

Euer Kulturnux!

 

 

 

 

 

 

 

5 Kommentare zu „Kultur mit Nux

  1. 😂😂😂😂ich glaub Dein Mann ist der Bruder meines Mannes. Meiner hat auch in Regensburg studiert und denn Kulturausflug hatten wir auch schon. 😂😂😂😂 Und alles ist zu teuer 😂😂😂😂😂 Und in Urlaub fahren braucht er sowieso nicht😂😂😂Ich hab ihm das jetzt vorgelesen und er guckt ganz komisch. „Da siehst Dus“ meint er noch und „spinnen alle Ehefrauen“? Also, ein schönes Wochenende und gute Planungen.

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  2. Danke, du hast mir den Feierabend gerettet. Viel Spaß wünsch ich dir (und ja, die gucken komisch, wenn du ins Stockbett willst. Und? Egal! Was denkst du erst, wie die in Freizeitparks an der Wasserrutsche gucken… – und da wird dir auch nicht schlecht. Habt eine gute Zeit!

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